Tattoo

Minks: Keine Sorge, dafür wird jemand bezahlen. Irgendjemand bezahlt immer.
Schrader: Ist das jetzt sowas wie 'n Gebot, ja?
Minks: Erfahrung. Komm Abends immer lebendig nach Hause.
Schrader: Was?
Minks: Das war 'n Gebot. Das einzige.
- aus Tattoo

Nachts in einer deutschen Großstadt. Eine Frau, nackt, torkelt durch die Straßen, sichtlich verstört. Die Kamera schwenkt auf ihren Rücken und wir sehen, dass dort die komplette Haut fehlt und nur eine riesige, blutige Wunde hinterlassen hat.
Die Frau erreicht eine Kreuzung … und unvermittelt erfasst sie ein von links kommender Bus, reißt sie mit. Zusammen krachen sie in die nächstbeste Ecke und der Bus geht in einen gigantischen Feuerball auf.
Dies ist dann zugleich der Anfang der Ermittlungen der beiden Komissare Schrader und Minks ... doch können sie gar nicht ahnen, auf was für einen im wahrsten Sinne des Wortes mörderischen Fall sie sich da eingelassen haben.

Zur Umsetzung:
Eigentlich ist es seltsam. Krimis gehören vermutlich zu den meistproduzierten Filmen Deutschlands, alleine was jeden Sonntag Abend an Tatort, Polizeiruf 110 & co. auf ARD läuft ist nicht nur erschreckend regelmäßig, sondern auch durchweg von hoher Qualität.
Geht es aber um das artverwandte Genre des Thrillers, so wird die Auswahl schnell kleiner, die Perspektive eingeschränkter und außer einigen manchmal mehr, manchmal weniger gelungenen Ergüssen diverser Sat1-Autoren bleibt da nicht viel Auswahl.
Doch gerade dieses Genre hat sich Regisseur Robert Schwentke, bisher als Regisseur bei besagtem Tatort tätig, auserkoren, „Tattoo“ ist ein waschechter Thriller im Geiste des Meisterwerks „Sieben“.

Es geht um ein ganz besondere Art von Sammler, deren Objekt der Begierde echte Tattoos auf demnach echter Haut sind. Ein ungewöhnliches Thema, für deutsche Verhältnisse auch ausgesprochen ungewöhnlich eingefangen, denn „Tattoo“ ist ein sehr düsterer Film geworden, zeichnet ein finsteres Bild der deutschen, urbanen Großstadt Berlin und hebt sich alleine dadurch schon aus der Masse der deutschen Thriller heraus.
Denn es gelingt dem Regisseur, sowohl die Alptraumwelt eines „Sieben“ einzufangen wie auch den klassischen Charme vieler deutscher Locations, zwischen dunklen Gassen und baufälligen Häusern sieht man eben auch klassische Deutsche Einfamilienhäuser, Praktiker-Gartenzäune und typische U-Bahn-Stationen, was eindeutig als Pluspunkt gewertet werden kann.
Besonders die Kameraarbeit ist hier noch hervorzuheben, denn Schwentke versteht es, mit nahezu jeder Einstellung eine bedrohliche Atmosphäre einzufangen, er zeigt zugleich Gespür für Atmosphäre wie auch für kleine Details, denn der Film belohnt Genaues hinsehen (und -hören), hat genug Andeutungen, die sich spätestens am Schluss dann entladen.

Dieses Setting trägt dann auch die Geschichte des Films, ebenfalls von Schwentke erdacht und geschrieben. Wie die Locations ist auch der Plot finster, angefangen bei der brutalen Handlung um den fanatischen Sammeltrieb vermeintlich ästhetischer Kunst bis hin zu den Charakteren des Films.
Jeder von ihnen trägt sein eigenes, kleines dunkles Schicksal mit sich herum, hadert auch einfach oft mit der Welt, in der er lebt. Alleine der Gerichtsmediziner, nur eine Nebenrolle des Films, zeigt oft deutlich, wie erschreckend auch ihm seine Arbeit scheint, welche Belastung sich darin verbirgt. Hier wird keine Sonnenschein-Pathologie à la Quincy betrieben, hier wird einem klar, wie dreckig all das doch ist.
Doch auch die Hauptcharaktere sind nicht gerade Sinnbild einer freundschaftlichen Kooperation. Marc Schrader, frischgebackener Polizist, ist eigentlich EDV-Mann, wird aber von seinem deutlich älteren Kollegen Minks mit Beweisen für seinen Drogenkonsum dazu erpresst, bei der Mordermittlung mitzuarbeiten, während dieser auch noch eigene Motive hat.
Sehr vielschichtige Charaktere, konsequenter ausgeführt, als man es gewohnt sein mag, was der Stimmung und Atmosphäre des Films erneut sehr zugute kommt.

Das ist aber auch kein Wunder, werden die beiden Charaktere des Films doch auch von zwei absolut hervorragenden Schauspielern getragen. Der junge Schrader wird von August Diehl gespielt, der schon in „Kalt ist der Abendhauch“ und, vor allem, „23 – Nichts ist so wie es scheint“ hervorragend gespielt hat, während Minks von Christian Redl verkörpert wird, den man bereits in über 40 Filmen bestaunen konnte, etwa in „Solo für Klarinette“.
Eine mysteriöse Frau hat der Film auch noch im Angebot, und diese wird von Nadeshda Brennicke gespielt, die neben Rollen in allen gängigen, abendfüllenden Krimireihen der Öffentlich-Rechtlichen (Die Männer vom K3, Stahlnetz, Tatort, Polizeiruf 110 uvm.) auch als feste Besetzung der Tessa Norman aus „Die Straßen von Berlin“ bekannt sein sollte.
Dazu kommen noch einige andere Gesichter, die man definitiv schon andernorts gesehen hat, von denen aber jeder einzelne eine hervorragende Performance abliefert.

Allerdings, wo soviel Licht, da ist auch Schatten, denn bei all dem Lob, perfekt ist „Tattoo“ sicherlich nicht. Denn gerade bei der Auflösung krankt der Film etwas. Zwar wird er nicht wirklich schlecht, aber die hohen Erwartungen, die er bis dahin erwecken konnte, kann er dann auch nicht halten.
Einmal, weil einige Fragen offen bleiben, vor allem der schon an Cobra 11 gemahnende, reißerische Auftakt, der bis zum Schluss etwa wirr erscheint. Doch auch das Ende ist gewöhnungsbedürftig und wird wohl nicht allen Leuten gefallen. Mir hat es gefallen, aber auch erst nach einem Moment des Verarbeitens – wer schnelle, unkomplizierte Kost sucht, der ist damit sicherlich falsch bedient.

Aber dennoch ist „Tattoo“ ein weiteres Beispiel der in den letzten Jahren wieder zahlreicher zu werden scheinenden Perlen des deutschen Films, ein Thriller, der sich zwar deutlich bei einigen amerikanischen Vorbildern bedient, der aber eben doch ein eigenständiges Werk geworden ist; eines, das richtig gut gefällt.
Und die DVD wird dem sicherlich ebenfalls gerecht. Das Bild kommt im erwarteten 2,35:1 daher und ist scharf, kontrastreich von kräftiger Farbe. Als Ton gibt es nur Deutsch, alles andere wäre aber auch sicherlich Spielerei, dafür ist es aber auch Dolby Digital 5.1-Surround Sound, wahlweise auch mit Untertiteln für Hörgeschädigte.
Die Standardfassung, welche hier getestet wurde, kommt dazu dann noch mit einer Hand voll Trailern und einem ganz netten, 20 Minuten langen Making of daher, die deutlich teurere Doppel-Disc-Fassung naturgemäß mit deutlich mehr.

„Tattoo“ ist jedenfalls eine klare Empfehlung wert. Deutsche Thriller sind selten und noch seltener gut, dieser hier ist es definitiv und wer am Genre Freude hat, der wird auch diesen Kino-Erstling von Robert Schwentke sicherlich zu schätzen wissen.


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