purpurnen Flüsse, Die

Wir sind die neuen Herren, wir sind die Sklaven.
Wir sind überall, wir sind nirgendwo.
Wir sind die Vermesser.
Wir beherrschen die purpurnen Flüsse.
- aus Die purpurnen Flüsse

Zur Handlung:
Remy Callois, der Bibliothekar der Universität von Guernon, einem entlegenen Ort in den französischen Alpen, wird tot aufgefunden. Er ist vor seinem Tode brutal gefoltert worden und seine Leiche ist verstümmelt. Da die örtliche Polizei gnadenlos überfordert ist, wird Pierre Niémans (Jean Reno), Ermittler einer Spezialeinheit, hinzugezogen.
300 Kilometer davon entfernt ermittelt der junge Polizist Max Kerkerian (Vincent Cassel) in einem Fall von Friedhofsschändung sowie einem Einbruch in die örtliche Grundschule. Doch nicht nur diese beiden Fälle scheinen miteinander verbunden zu sein, auch seine Spur führt ihn nach Guernon, doch es soll nicht nur bei dem einen Opfer bleiben...

Zur Umsetzung:
Der vorliegende Film ist die Umsetzung des Romans gleichen Titels von Jean-Christoph Grangé. Da der Autor auch an dem Drehbuch direkt beteiligt war, konnte man ja durchaus auf einer korrekte Verfilmung hoffen – doch dazu am Ende mehr.
Zunächst einmal muss ein Film ja durchaus auf eigenen Füßen stehen können und "Die purpurnen Flüsse" versteht es, den Zuschauer von der ersten Minute an in seinen Bann zu schlagen. Regisseur Mathieu Kassovitz erzählt die spannende Geschichte in dichten, atmosphärischen Bildern, die zwischen den dunklen Nächten, den grellen, schneebedeckten Alpen und den nebligen Tälern dort stetig wechseln und in sich einfach sehr stimmig wirken.
Die Optik besitzt eine gewisse Kälte, bleibt aber immer sehr lebensecht und zieht den Zuschauer, ob er will oder nicht, immer tiefer in sich hinein.
Die Handlung baut sich Stein für Stein auf und wird dabei komplett aus dem Blickwinkel der Ermittler beleuchtet, einen Wissensvorsprung seitens des Zuschauers gibt es eigentlich nie. Im Gegenteil, teilweise scheint Kassovitz auch ganz gezielt eine möglichst subjektive Kamera gewählt zu haben. Schade ist dabei, dass der Film seiner Spannung am Ende nicht ganz gerecht werden kann, da der Schluss sehr plötzlich kommt und den Zuschauer sehr überrumpelt. Zwar ist es durchaus Konzept des Filmes, dass die Ereignisse konstant eine eigene Dynamik haben, doch zum Schluss überschlägt sie sich einmal zu sehr und dem Betrachter fehlt etwas der abschließende Bezug, um damit zufrieden sein zu können.
Es werden zwar alle Antworten irgendwo gegeben, aber es hat auch den Rezensenten ein zweiten Sehen und die Lektüre des Buches gekostet, restlos zufrieden zu sein.

Was den Film aber dennoch so sehenswert macht ist die bereits erwähnte Atmosphäre. Neben der großen Bildgewalt, die einem zwangsläufig zuerst ins Auge springt, ist nicht zuletzt auch die hochkarätige Besetzung sehr daran beteiligt.
Pierre Niémans wird von Jean Reno gespielt, ein Darsteller, der gar keine weiteren Erklärungen nötig hat. Er spielt den geladenen, ausgebrannten Kommissar sehr glaubwürdig und auch als glaubwürdige Hauptperson.
Vincent Kassel übernimmt die Darstellung des zweiten Ermittlers Max Kerkerian, der in seiner Motivation, seinem Interesse und seiner Jugend gekonnt ein deutlicher Gegenpart zu Niémans ist, ohne dabei in Buddy-Klischees abzurutschen.
Nadia Fares übernimmt die herzenskalte und geheimnisvolle weibliche Hauptrolle des Films, die zwar von der Zeit auf der großen Leinwand her etwas blass bleibt, in ihren Szenen aber auch zu gefallen weiß.

Zuletzt ist dann sicher auch noch der großartige Soundtrack von Bruno Coulais (Vidocq, Belphégor, Der Graf von Monte Christo u.a.) zu nennen, der sich dezent zurück hält, nirgends aufdringlich ist, sich unnötig als Ohrwurm zeigt und dennoch immer richtig und treffsicher die mysteriöse und düstere Atmosphäre unterstreicht.

Im Vergleich zum Buch, einige Zeilen dazu müssen schon erlaubt sein, wurde der Film allerdings merklich entschärft, sowohl was Komplexität als auch was die Härte betrifft. Gerade der Charakter des Niémans ist wesentlich freundlicher geraten, viele kleine Elemente des Rätsels wurden ersatzlos gestrichen, der Charakter des Karim musste ebenfalls weichen, wurde aber durch Max ersetzt. Aber all das wurde mit der eigentlichen Geschichte im Hinterkopf getan, eigentlich alles funktioniert auch mit den neuen Ansätzen sehr gut und wurde dem Medium Film einfach angepasst, einzig das viel zu plötzliche Ende ist eindeutig anzukreiden, da wurde im Buch einfach sauberer drauf hingearbeitet.

Wer sich mehr für diese Hintergründe interessiert, wird auch sicherlich das Bonusmaterial der DVD zu schätzen wissen. "L'enquete" ist ein 52 Minuten langes Making Of, das primär aus Interviews mit dem Regisseur, dem Autor und den drei Hauptrollen besteht und ein unglaublich detailliertes Licht auf die Produktion wirft. Hier ist vor allem hervorzuheben, dass es keine Werbeveranstaltung ist, wie man es oft auf DVDs findet. Gerade auf Seiten der Produktion wird auch viel Einsicht gezeigt, manch eigener Fehler offen angesprochen und insgesamt einfach ein sehr gutes Licht auf die Hintergründe geworfen; so müsste das auch bei anderen Filmen mal aussehen!
Wer mehr will, der wird sich vermutlich noch über ein Making-Of zu den Pathologie-Szenen, ein weiteres Interview mit Jean Reno, einem Film-/Storyboard-Vergleich zu einer Szene, weiteren Konzeptzeichnungen und allgemeinen Crew-Informationen freuen.
Hier entspricht alles einem weiter über dem Durchschnitt liegenden Stand.

Auch die eigentliche Technik überzeugt. Das Bild ist glasklar und 16:9 anamorph codiert, der Ton liegt in guter deutscher Synchro und französischem Original jeweils in kraftvollem 5.1-Klang vor.

Somit sind "Die purpurnen Flüsse" zwar kein Meilenstein des Thriller-Genres, doch wer auf solche Filme steht, wird vermutlich mit diesem Film sehr viel Freude haben!


Galerie:{jcomments on}