Remnants Role Playing Game

Remnants ist ein Indiegame, in dem die Spieler die Rolle von Mechpiloten in einem postapokalyptischen Fantasysetting übernehmen, um dort gegen schreckliche Monster zu kämpfen und sich ihren Platz in der Welt zu schaffen. Es übt natürlich einen ganz besonderen Reiz aus, mit einer drei Meter großen Hightech-Rüstung gegen Barbaren mit Speeren und Knüppeln zu ziehen. Aber wie zur Hölle passt das zusammen?

Eine menschliche Gesellschaft hat sich in einem Jahrhunderte zurückliegenden Krieg praktisch in die Steinzeit zurückgebombt. Überreste riesiger Kriegsmaschinen durchziehen nach wie vor die Wüsten und schier endlose Ruinen beherbergen die Überbleibsel der Menschheit, die sich in Stadtstaaten und Barbarenstämmen organisiert hat. Einige wenige Relikte der Altvorderen haben überdauert, aber kaum jemand kann sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, denn jeder Tag ist aufgrund der begrenzten Ressourcen ein Kampf ums Überleben. Ein Kampf, der natürlich einfacher wird, wenn man eine der legendären Kampfmaschinen sein eigen nennt. Die Charaktere können durch Zufall, einen Reliktfund oder durch einen Sieg im Kampf an eine der Maschinen gekommen sein. Die vor allem als Remnants (engl. für Überbleibsel) oder auch Ishin bekannten, humanoiden Maschinen sind fast unzerstörbar und reparieren sich selbstständig, weswegen sie bis in die heutige Zeit überdauert haben. Stirbt der Pilot, fährt die Rüstung in ihren Urzustand zurück und kann von einem neuen Piloten genutzt werden, der dann eine Bindung mit der Rüstung eingeht.

Das Regelsystem namens Rapidfire ist sehr simpel und schnell. Attribut plus Fertigkeit plus W6 zuzüglich Modifikationen gegen Schwierigkeit, bzw. die Verteidigung des Ziels, wenn es ein Kampf ist. Überschüssige Punkte erzielen dann ein besseres Ergebnis, bzw. mehr Schaden. Man sollte aber nicht den Fehler begehen anzunehmen, dass die Spielercharaktere durch ihre Remnants unbesiegbar wären. Der Kampf ist ziemlich schnell und tödlich, denn bereits ein Speer kann dem Piloten im Inneren der Kampfmaschine gefährlich werden, auch wenn er einen deutlichen Vorteil hat. Um Kämpfe aber abschätzen zu können, gibt es eine sehr brauchbare Anleitung, um passende Gegner für die Gruppe zu erschaffen, die von harmlos bis zum Endboss-Niveau reichen. Und das ganze ohne komplizierte Formeln oder Tabellen. Sehr fein.

Ein Charakter verfügt über die drei Attribute Körper, Wille und Verstand, die von -2 bis +2 reichen und deren Durchschnitt bei 0 liegt. Da Spielercharaktere besser als der Durchschnitt sind, erhalten sie +1, dass sie mit anderen Attributen verrechnen können, um beispielsweise Körper +2, Wille 0 und Verstand -1 zu erhalten. Diese Attribute werden auch gleichmäßig wichtig, allerdings errechnet sich aus der Summe der Attribute der grundlegende Pilotenwert, der damit bei allen neuen Charakteren 1 sein wird. Es ist also für das Steuern des Remnants zunächst irrelevant, ob man ein verkrüppelter alter Gelehrter, ein willensstarker Priester aus der Wüste oder eine geschickte junge Kriegerin ist.

Remnants setzt aber auch auf weitere interessante Mechaniken, etwa zur Verwaltung von Reichtümern. Charaktere erhalten einen Wert in „Easy Living“, der ihnen ermöglicht, genau so viele Tage über die Runden zu kommen. Möchten sie wohlhabender leben, reicht eben nur ein Drittel so lange, usw. Da es auch kein monetäres System mehr gibt, kann man es auch als Schuldscheine und Gefallen ansehen, mit denen auch Produkte erstanden werden können. Reserve bildet einen Pool an Punkten, die man auf den eigenen Wurf addieren kann, um seine Chancen auf Erfolg zu verbessern oder einen sicheren Erfolg in einen fulminanten zu erhöhen. Aber das ist nicht die einzige Möglichkeit, mit der Spieler mehr Einfluss auf ihre Erfolgschancen nehmen können. Spieler bestimmen auch selbst ihre kritischen Fehlschläge und erhalten dafür Boni. Es lohnt sich richtig auf die Kacke zu hauen, damit der eigene Remnant besser wird. Risiko und Action wird belohnt, ebenso wie interessantes Scheitern. Das sorgt für ein schnelles und actiongeladenes Spiel. Wer einen kritischen Fehlschlag akzeptiert oder als Spieler für seinen Charakter einfordert, erhält einen Punk Reserve, um später erfolgreicher zu werden und Erfahrungspunkte für sich und seinen Kampfanzug. So macht es wirklich Spaß seinen Charakter in die Scheiße zu reiten und dann noch mal nachzutreten, was in der Regel auch zu einer interessanten Herausforderung führt.

Neben dem eigenen Charakter verbessert man auch seinen Remnant mit speziellen Erfahrungspunkten und baut ihn mit weiteren Extras wie Drohnen, Flugfähigkeit oder einfach mehr Schaden oder Reichweite aus. Wer seinen Ishin übrigens zeichnet oder mit LEGO nachbaut, bekommt dafür Extra-XP für seine Kiste. Einer meiner Spieler beeindruckte unsere Testrunde dann umgehend mit etwas spontaner Kunst, deren Fokus vor allem auf einer großen Stachelkeule lag. So lob ich mir das, ein extra Erfahrungspunkt!

Die Frage bleibt, was man bei Remnants nun genau tut. Eine Gruppe aus vier bis fünf Spielercharakteren, die Ishin steuern, sind eine erhebliche Machtgruppe, da nach der Beschreibung der Welt selbst Stadtstaaten selten mehr als über ein Dutzend dieser Relikte verfügen. Noch extremer wird es, wenn man sich vorstellt, was passiert, wenn die Gruppe Anhänger um sich schart, auf andere Remnants Jagd macht und ihre Gefolgsleute dann mit diesen Maschinen ausstattet. Innerhalb von kürzester Zeit könnten sie so zur weltbestimmenden Macht werden, was das Spiel aber nicht unterstützt. Zwar gibt es Regeln für Massenkämpfe, aber die Grundidee der Entwickler schien die übliche Gruppe aus herumziehenden Abenteurern gewesen zu sein, die riesige Monster erschlagen. Auch auf der Homepage http://www.remnantsrpg.com/ finden sich leider keine weiteren Informationen, was man nun genau in dem Spiel tun soll außer hauen und prügeln. Es gibt weder im Buch noch auf der Homepage oder im Forum ein Beispielabenteuer. Zwar sind wie bereits erwähnt die Regeln zur Erstellung eigener Gegner flott und eingängig, dennoch wären ein paar Standardgegner als Beispiele nicht übel gewesen, um ein besseres Gefühl für die Machtniveaus des Spiels zu erhalten. Das waren leider große Mankos, die die Vorbereitung für die Testrunde unnötig erschwert haben.

Das Buch ist für seine Aufmachung nicht gerade preiswert. Das Format kennt man von 1W6 Freunde oder Ratten!, allerdings bietet Remnants nur eine schwarz-weiße Aufmachung und auch Druck und Papierqualität spielen nicht in der gleichen Liga wie die genannten deutschen Produkte. Die schwarz-weiße Ausstattung wäre ja eigentlich okay, wenn die die Illustrationen, die alle von einem Künstler stammen, nicht darunter leiden würden. Die Bilder sind sehr düster ausgefallen, sowohl stimmig, als auch im Druckbild, so dass man bisweilen kaum etwas erkennen kann, da viele der Zeichnungen eigentlich farbig sind.  Das Layout ist einspaltig, hat einen ansehnlichen, sowie praktischen Zierrahmen außen und gut lesbare Schriftarten. Bei der Seitenaufteilung hat man aber bisweilen mehr Mühe investieren können, da häufig einzelne Zeilen oben alleine auf einer Seite stehen.

Remnants ist ein schönes, kleines Spiel für diejenigen, die actionorientierte Runde schätzen, jedoch zusätzlich ein schnelles und einfaches System möchten. Das eher vage Setting bietet dabei viel Platz für eigene Ideen und Ansatzpunkte, hätte aber in vielen Fällen ausführlicher, bzw. konkreter für meinen Geschmack sein dürfen. Der größte Knackpunkt des Produkts ist jedoch seine mangelnde Kommunikation an den Leser, was man mit dem Spiel überhaupt tun soll. Der Verzicht auf einige Hinweise im Spielleiterteil oder ein Beispielabenteuer wird noch ärgerlicher durch die leeren Seiten am Ende, die man dafür oder zumindest mehr exemplarische Werte für Antagonisten hätte benutzen können.


Titel: Remnants Role Playing Game
Autor: Steve Bergeron
Verlag: Outrider Studios
ISBN: 978-1-55483-903-2
Seitenzahl: 120, s/w, Softcover
Sprache: amerikanisch
Preis: 20 US-Dollar für Printversion, 10 US-Dollar für PDF{jcomments on}