Serenity Role Playing Game

„Here‘s how it is.
The Earth got used up. We found a new solar system and used terraforming technology to create hundreds of new Earths. The central planets formed the Alliance and decided that all worlds should unite under their rule. There was some disagreement on that point...
vom Backcover von Serenity Role Playing Game

Ah, ein Lizenzprodukt. Die Geissel der Videospiel-Tester ist im Pen&Paper-Bereich eine seltener gewordene Erscheinung. Nach einer kleinen Welle während der 90er, die Rollenspielern unter anderem „Indiana Jones“, „Men in Black“ oder gar „Streetfighter“ eingebracht haben, sind nur noch wahrlich große Platzhirsche wie „Star Wars“ oder „Conan“ verblieben, und selbst die sind zumeist rar und/oder d20-basiert.
Doch „Serenity“ ist ein Phänomen. Der Film vom Buffy- und Angel-Macher Joss Whedon ist ein Wunder für sich, ist er doch die Fortsetzung einer brillianten, nichtsdestotrotz wieder schnell abgesetzten Fernsehserie namens „Firefly“ gewesen. „Serenity“ ist weiterhin ein Phänomen, da es eine riesige Fangemeinde gibt, die sich diesem kruden Mix aus Western und SciFi verschworen haben und die an das Material glauben, ganz gleich, was die BoxOffice-Zahlen sagen.
Wenn zu diesen Fans allerdings auch eine Szenegröße wie Dragonlance-Mitschöpferin Margaret Weis zählt, sieht es plötzlich anders aus. Zu einem vermutlich recht stolzen Preis erwarb die Autorin mit ihrer Firma „margaret weis productions, ltd.“ die P&P-Nutzungsrechte von Universal und so liegt es nun eben neben mir ... ein neues Lizenzprodukt.

Ich werde in dieser Rezension dabei nicht weiter auf die Thematik der Serie oder des Filmes eingehen, sondern das einigermaßen als Bekannt voraussetzen. Wer die Serie und den Film nicht kennt, der ist vermutlich ohnehin nur peripher an dem Spiel interessiert und eigentlich selber Schuld, denn „Firefly“ wie „Serenity“ gehören mit zu den großartigsten Produktionen, die man in Amerika in den 2000ern je Zustande gebracht hat.

Das „Serenity“-Rollenspiel ist ein hübsches Werk geworden. Ein stabiles, glänzendes Hardcover beherbergt 224 vollfarbige Seiten, die mit zahlreichen Fotos aus dem Film sowie ergänzenden Farbillustrationen bebildert wurden. Das sieht toll aus, wunderschön, aber offeriert auch sogleich einen Blick auf einige, erste Nachteile des Produktes. Zuvorderst die Seitenzahl. 224 Seiten sind nicht viel, die empfohlenen 39,99 US-$ dagegen schon. Klar ist die Produktionsqualität toll, klar wird die Auflage nicht allzu hoch sein und natürlich wird sich Universal die Lizenz schon was kosten lassen haben, trotzdem ist ein Preis von rund 18 Cent pro Seite schon sehr krass.
Zum Vergleich: Eden Studios‘ Buffy-Rollenspiel basiert ebenfalls auf einer Whedon-Lizenz und kostet einen Cent mehr, 40 Dollar also. Dafür erhält man dort aber auch 290 Seiten von vergleichbarer Qualität ... und ehrlich gesagt finde ich selbst das noch teuer.
Außerdem ist es kein Zufall, wenn ich „zahlreiche Fotos aus dem Film“ schreibe. Wer auf Shots – oder irgendeinen anderen Content – aus der Serie hofft, tut dies vergebens. Da eine Doppellizenz wohl unbezahlbar gewesen wäre, wenn überhaupt erreichbar, beschränkte sich die Weis-Firma auf das Universal-Kino-Produkt. Zwar finden sich zahlreiche Referenzen auf die Serie im Fließtext und der Flair wird schon gut getroffen und es werden keine zwingenden Lücken gelassen (sprich: der Planet „Ariel“ aus der gleichnamigen TV-Episode oder das Nest Canton auf Higgins‘ Moon sind auch in dem Buch enthalten, obschon sie nicht im Film waren), wer aber etwa auf Stats von Badger oder Niska pocht, geht leer aus.
Last but not least entdeckt der aufmerksame Rollenspieler zwei Dinge in dem Buch, die ihn stutzen lassen sollten. Oder vielmehr, er entdeckt sie nicht. „Serenity“ verfügt weder über einen Charakterbogen (sehr ungewöhnlich) noch über einen Index. Zumindest den gibt es zwar mittlerweile zum Download auf der offiziellen Webseite des Spiels, doch die Frage bleibt trotzdem, ob man nicht statt der Dragonlance-Werbung auf der letzten Seite nicht lieber noch einen Charakterbogen hätte einpflanzen können.

Wie schon bei den letzten Grundbüchern, die ich zwischen hatte, will ich auch hier auf einen Marsch von Kapitel zu Kapitel verzichten und es eher in seiner Gesamtheit betrachten.
„Serenity“ verwendet ein neues Regelsystem, das extra für „Serenity“ entwickelt wurde.
Wie so viele andere Systeme auch unterteilt es in Attributes und Skills, wobei die Attributes noch einmal in Physical und Mental untergliedert sind. Jedem Attribut und jedem Skill wird dabei ein Würfelwert zugeordnet, der mit d2 beginnt und dann bis d12+n reichen kann. Auffällig ist dabei, dass als einziger, gängiger Würfel der d20 gar nicht verwendet wird. Skills können nur bis zu einem Rang von d6 generisch gesteigert werden und müssen von dort aus spezialisiert werden.
Würfelt man eine Probe, so nimmt man ein Attribut und einen Skill, nimmt diesen Mini-Pool von zwei Würfeln zur Hand und würfelt gegen eine Schwierigkeit.
So als Beispiel:
Jayne Cobb will über eine Mauer springen. Sein Agility-Attribut liegt bei d6. Sein Skill Athletics ebenfalls; zwar hat er eine Spezialisierung und „Dodge“ auf einem Wert von d8, doch da er hier nichts ausweicht, greift dies nicht. Er würfelt nun also d6+d6 gegen eine vom Erzähler gegebene Schwierigkeit.
Kaylee dagegen versucht dagegen eine Maschine zu reparieren. Sie hat eine Intelligence von d10 und eine Mechanical Engineering-Spezialisierung auf Repair mit einem Wert von d12+d2, würfelt demnach entsprechend d10+d12+d2 gegen die angesagte Schwierigkeit.

Das System, nun, funktioniert. Es ist nicht das eleganteste System, aber es ist einfach und kann schnell umgesetzt werden, was zumindest auch einsteigerfreundlich ist – und das wiederum ist sinnvoll bei einem Lizenzspiel. Auch die geringe Zahl von Zusatzregeln und Modifikationen schlägt durchweg positiv in diese Kerbe.
Auf der anderen Seite muss sich das Buch zumindest der Frage stellen, warum es eigentlich ein ganz neues System aus der Taufe heben musste. Andererseits bin ich persönlich froh genug, dass es nicht „Serenity d20“ geworden ist und schweige da mal lieber still.
Lobenswert zu erwähnen sind noch diverse Ansätze im Spiel, den Flair der Vorlage einzufangen. Großartig ist etwa die „random technobabble table“ im Buch. Man würfelt einen W6, W8, W10 und W12 und liest das dann nacheinander in der Tabelle ab, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass der „hydraulic (4 auf W6) stabilizer (4 auf W8) fell off (5 auf W10)“ und das dann wohl dazu führt, dass der Treibstoffverbrauch sich gerade verdoppelt hat (7 auf W12). Gefällt mir.

Auch sehr schön sind etwa die „Traits“, die jeder Charakter noch in die Wiege gelegt bekommt. Diese unterteilen sich in Assets und Complications, also prinzipiell Vor- und Nachteile. Das System zwingt einen, von beidem mindestens einen zu erwerben, was mir ebenfalls gut gefällt, denn kein Joss Whedon-Charakter – ob nur bei Firefly/Serenity oder Buffy/Angel – kommt ohne Komplikationen daher. Das auch Raumschiffe und Fahrzeuge Assets und Complicatiosn haben können, erscheint dabei gar nur als Sahnehäubchen.
Die Auswahl ist sehr der Vorlage angemessen und Assets wie „Fightin‘ Type“, „Born Behind the Wheel“ oder auch „Registered Companionen“ treffen ebenso wie die Faust auf‘s Auge wie „Forked Tongue“, „Hero Worship“ oder „Leaky Brainpan“ auf der Complications-Seite.
Im Sinne der Vorlagentreue auch klar lobend zu betonen sind die Kurzgeschichten von Margaret Weis zu den einzelnen Kapiteln, die in Stil und Inhalt perfekt auf die Serie abgestimmt sind und so auch von Whedon selber stammen könnten. Damit man mit gutem Beispiel vorangeht und nicht alle 1:1-Kopien der „Serenity“-Crew spielen, bietet das Buch zudem eine alternative Crew mit ihrem Schiff „Aces and Eights“ an. Das ist nett, die Charaktere sind ebenfalls schön geraten und gäbe es jetzt einen Charakterbogen, wäre ein sofortiges Losspielen problemlos möglich. So bleibt die Notationshürde, aber Anfängern wird damit dennoch sehr entgegen gekommen. Löblich.

Zuletzt positiv aufgefallen ist der „Gorram Chinese“ getaufte Appendix, in dem die Autoren den ganz besonderen Sprachstil des Settings dem Leser näher bringen. Nutzt dem deutschen Leser zwar nur bedingt was, da aber auch massig chinesische Vokabeln geliefert werden, dürften auch hiesige Spieler damit etwas „Firefly“-Flair verbreiten können.

Neben dem vielleicht etwas eigenwilligen Regelwerk dürften generelle SF-Spieler wohl vor allem mit der Ausrüstungsauswahl des Bandes hadern. Es passt natürlich zum Setting, aber etwas mehr von allem, sei es nun Ausrüstung, Raumschiff oder Fahrzeug, wäre sicherlich nicht verkehrt gewesen.
Das allerdings wird wiederum durch tolle Spielleitertipps, weitere Erzähl-Hilfen wie Plot Points, mit denen die Spieler sich kleine, dramatische Wendungen erkaufen können, haufenweise Deckpläne der beschriebenen Schiffe und andere kleine Gründe zur Freude ausgeglichen.

Was eine Endnote betrifft, so habe ich lange mit mir gehadert. Zunächst einmal punktet das Buch ganz massiv, da es so gekonnt den Flair der Vorlage einfängt, sowie damit, das es eine in sich abgeschlossene Investition ist und man nicht dutzende Bücher braucht, um spielen zu können.
Was noch schwer im Magen liegt, ist der Preis pro Seite, denn 224 Seiten für 39,99 Dollar ist schon ziemlich unverschämt. Andererseits ist nunmal eigentlich alles in dem Buch und die Seitenzahl künstlich hochtreiben muss man natürlich auf der anderen Seite auch nicht. Einen leichten Abzug gibt es aber dennoch für das Reine Seiten/Preis-Verhältnis, wenn mir auch klar ist, dass wohl auch die Lizenz noch mal darin Niederschlag gefunden hat.
Der ist es ja wohl auch zu verdanken, dass manche „Firefly“-Referenz eher durch die Blume erfolgt, aber zumindest kann man den Autoren anrechnen, dennoch viel untergebracht zu haben und den Flair stets gelungen umgesetzt zu haben.

Abseits dessen gibt es wenig zu meckern an dem Buch. Es sieht schick aus, fängt die Vorlage exzellent ein und bietet eben genau das: Es ist eben ein Rollenspielgrundregelwerk zu „Serenity“. Und gerade Fans leichterer Regeln werden sicherlich viel Spaß daran haben.
Ich für meinen Teil werde demnächst ganz sicher mal mit meiner Runde einen Trip „into the black“ wagen und wer die Vorlage mag, der sollte hier zugreifen.
Wer die Vorlage nicht kennt (und trotzdem tapfer bis hier gelesen hat), wohl aber Science Fiction/Science Fantasy und Western mag, sollte auch einmal einen Blick riskieren. „Serenity“ mag teuer sein, es mag special interest sein, aber hey, es ist auch sehr cool! Um nicht zu sagen: shiny!


Name: Serenity Role Playing Game 
Verlag: margaret weis productions, ltd. {jcomments on}
Sprache: Englisch
Autoren: Jamie Chambers, Margaret Weis u.a.
Empf. VK.: 39,99 US-Dollar 
Seiten: 224