Perry Rhodan – Das Rollenspiel
Der Milchstraße stehen große Veränderungen bevor. Raumfahrt und Technik sind um Jahrhunderte zurückgeworfen worden, die Galaxis wild wie seit Menschengedenken nicht mehr. Sternfahrende Völker kämpfen ums Überleben, Allianzen und Sternenreiche ringen um die Macht, um geheimnisvolle Sternenhaufen tauchen wie aus dem Nichts auf – und mitten im Geschehen: Sie.
vom Backcover von Perry Rhodan – Das Rollenspiel
Manche Ideen sind so naheliegend und so offensichtlich, dass offenbar niemand darauf kommt. Anders ist es mir fast nicht zu erklären, dass es so lange keine Umsetzung des Perry Rhodan-Materials als Rollenspiel (mehr) gab. Und auf den ersten Blick scheint es gar noch ein ganz Unbekannter zu sein, dessen Verlagslogo nun auf dem Buchrücken des schweren Wälzers prangt, der mit „Perry Rhodan – Das Rollenspiel“ betitelt ist.
Auf den ersten Blick. Genaueres Betrachten führt allerdings in bekannte Gewässer zurück, denn hinter der „edition DORIFER“ (japp, vorne ganz klein und hinten ganz groß) verbirgt sich der Verlag für F&SF-Spiele. Der wiederum ist die Heimatstätte von Deutschlands ältestem Fantasy-Rollenspiel, „Midgard“; genauer gesagt, ist sie jetzt wieder, da Pegasus sich aus dem System bekanntlich vor einer Weile zurückgezogen haben.
Liest man nun noch die Namen Alexander A. Huiskes und Jürgen E. Franke als Verfasser im Buch, so ahnt man bereits, dass hier offenbar zwei deutsche Institutionen mit ordentlich hohem Kilometerstand aufeinander treffen, und so ist es dann auch: „Perry Rhodan – Das Rollenspiel“ vereint das gut 25 Jahre alte SciFi-Universum der beliebten Heftromane mit dem fast nicht minder alten Regelwerk von „Midgard“.
Bevor wir nun aber in die Rezension selber vorstoßen, kurz ein paar Anmerkungen vorweg:
Obschon wir innerhalb der DORP eigentlich Verrückte für so ziemlich alles haben, so mangelt es uns doch tatsächlich an einem richtigen Perry Rhodan-Fan. Aber da wir nun alle Rollenspieler seit vielen Jahren sind, sollten wir ja nun ebenso Zielgruppe des Spieles sein. Diese Rezension allerdings erfolgt genau unter dieser Prämisse: aus Sicht eines Rollenspielers. Hintergrundtreue des Werks und derlei Aspekte sollen hier nicht diskutiert werden.
Auch steht der Hintergrund an und für sich in dieser Rezension nicht zur Debatte, ebenso wie die Frage, ob Rhodan nun Science Fiction, Science Fantasy oder Space Opera ist, an dieser Stelle nicht Thema sein soll.
Außerdem, reine Formsache, schließe ich mit Wonnen dem Akronym-Faible der Verfasser an und werde „Perry Rhodan – Das Rollenspiel“ fortan bequem mit der Abkürzung PRRS versehen.
Aber genug um den heißen Brei herumgeschrieben, auf zum Buch. Die Verarbeitung sollte MIdgard-Käufern durchaus vertraut erscheinen. Das knapp 350 Seiten schwere Buch erscheint als Hardcover mit Rundrückbindung, die Pappdeckel sind matt laminiert und bieten ein ansehnliches Cover dar, das vom Cthulhu-Cover-Zauberer Manfred Escher formschön gesetzt wurde. Das Titelbild selber wurde von Swen Papenbrock gezeichnet und fängt bereits gut den Flair des Spieles ein, das uns erwartet: etwas bunt, etwas schrill und irgendwie doch sehr klassisch.
Obschon das Buch im Inneren schwarzweiß ist, gibt es eine Reihe von Farbtafeln, die – so mutmaße ich jetzt einfach mal – alte Cover der Heftromane darstellen. Neben Papenbrock waren hier auch Johnny Bruck, Alfred Kelsner und Dirk Schulz beteiligt und anders als bei „Midgard“ gefallen mir alle Bilder eigentlich auch gut. Leider wurde trotz eines wuchtigen Rahmens davon abgesehen, die Illustrationen irgendwie zu beschriften. Vielleicht geht das Kennern anders, aber mich hätte beim ersten Blättern schon interessiert, wer der düstere, grauhaarige Kerl auf der allerersten Tafel ist oder wie der Name der holden Dame lautet, die auf der viertletzten Farbtafel dank zerrissener Bekleidung dort tiefe Einblicke gewährt.
Ein letztes Mal Papenbrock liest man im Zusammenhang mit dem beigefügten Poster, das in einem Format jenseits aller DIN-Normen daher kommt und leider recht deutlich Schärfe bei den abgebildeten Figuren vermissen lässt.
Die Innenillustrationen dagegen sind von durchweg hoher Qualität und vor allem von FuFu Frauenwahl gestaltet, ergänzt mit Bildern von Ulf Lehmann und Michael Thiesen. Das Layout dagegen fand ich eher etwas langweilig und bieder und hätte mir da etwas mehr gestalterischen Mut gewünscht.
Doch auf zum Inhalt. Ein Grundregelwerk hat ja immer zwei Aufgaben: Gleichermaßen vermittelt es den Hintergrund wie auch das Regelwerk des Spiels. Wo der Schwerpunkt für die Macher vom PRRS gelegen hat wird deutlich, sowie man das Inhaltsverzeichnis begutachtet: Auf „Die Welt von Perry Rhodan“ (24 Seiten) und „Völker des Perryversums“ (28 Seiten; und japp, der Neologismus „Perryversum“ ist ausnahmsweise mal keiner von mir) folgen noch die Abschnitte „Die Grundregeln“, „Erschaffung von Spielfiguren“, „Fähigkeiten der Spielfiguren“, „Die Psikräfte“, „Kampf und Bewegung“, „Technologie und Ausrüstung“ und „Erfahrung und Lernen“, bis mann die 344 Seiten voll hat.
Die Vermittlung des Settings auf engem Raum gelingt dem Buch dann aber auch wider meiner Erwartung sehr gut. Natürlich ist es ganz unmöglich, mehrere tausend Heftromane auf so engen Raum zu bündeln, aber anders als etwa bei dem „Star Wars“-Rollenspiel von WotC, das ich ohne Kenntnis der Filme für bisweilen sehr unverständlich halte, hat auch ein Unkundiger nach den insgesamt weniger als 60 Seiten ein Bild von der Materie bekommen. Man weiß grob, wie sich der Hintergrund entwickelt hat, kennt die Machtgruppen der Galaxis und hat einen Eindruck, was so die Konzepte hinter den neun beschriebenen Völkern (Akonen, Aras, Arkoniden, Báalols, Jülziish, Kartanin, Mehandor, Terraner und Topsider) sind. Damit kann man losspielen – sehr schön.
Am Regelwerk dagegen dürften sich die Geister scheiden. Verwendet wurde wie gesagt das „Midgard“-Regelwerk in angepasster Form, was eben so die typischen Vor- und Nachteile bringt. Einerseits ist es ein Prozenter-System, bei dem man mit einem W100 unter einen vorgegebenen Prozentwert würfeln muss. Das ist sehr einfach und klingt, soweit, auch nach einem guten System, um Nicht-Rollenspieler aus dem Perry Rhodan-Fandom anzulocken.
Doch leider neigt das Buch dazu, in vielen Sachbereichen ungeheuerlich in die Tiefe zu gehen und dabei die Regeln sehr aufzuplustern.
Es ist natürlich Geschmackssache. Aber wenn wir einmal davon ausgehen, dass tatsächlich ein gewisser Halo-Effekt eintritt (also PR-Fans zum Rollenspiel gelockt werden) und die bei der Erschaffung ihres ersten Charakters dann auf Formeln wie RW = 1W20 + 20 + 3x([Gw/10] + [In/10]) oder pA = W% - 30 + 3x([In/10] + [Au/10]) stoßen ... was denken die sich denn?
Ich hätte mir hier gewünscht, die Zugänglichkeit für blutige Anfänger deutlich höher in der Prioritätenliste einzuordnen.
Aber nicht nur Rechnereien machen das Spiel zu Beginn etwas unüberschaubar. Bleiben wir bei der Charaktererschaffung und schauen wir einmal zu den Lernsymbolen. Die gibt es in den Kategorien A, F, I, M, R, V, W, T, X und Z. Das steht jeweils für ein Themenfeld, M etwa für Militär und Z für Zwischenmenschliches. Jede Herkunft hat dagegen einen gewissen Katalog von Lernsymbolen, aus denen der Charakter eine bestimmte Anzahl auswählen darf. Der Hintergrund „Berühmte Eltern“ etwa liest sich dann A, A, F, F, F, I, T, V, W, Z und der Spieler darf daraus sechs Stück aussuchen. Ein Charakter aus einer „Durchschnittsfamilie“ erhält dagegen A, A, F, F, I und Z, darf da aber nichts mehr von auswählen. Fertigkeiten haben nun auch wieder zugeordente Lernsymbole, oftmals mehrere. So findet man Computernutzung sowohl im Bereich „Alltag“ als auch unter „Informationen und Kommunikation“. Hier nun tauscht der Charakter seine Lernsymbole gewissermaßen gegen die Fertigkeiten ein.
Ja aber hallo. Komplizierter habe ich die Auswahl von Fertigkeiten lange, lange Zeit nicht mehr erlebt.
Oder betrachten wir uns die Charaktersteigerung. PRRS unterscheidet zwischen Erfahrungspunkten (EP) und Praxispunkten (PP). EPs gibt es, ganz grob gesagt, wenn der Spieler gute Leistungen vollbringt, PPs, wenn der Charakter es tut, wobei EPs weit leichter zu erlangen sind als PPs. Eine direkte Anwendung haben beide Bereiche nicht, denn das, was beides Bündelt, wurde „Fähigkeitspunkte“ getauft. FPs also. Für einen EP erhält man auch einen FP, wer jedoch einen PP hat, kriegt direkt zehn FPs dafür. Wenn man dann also ggf. noch die wiederum an die obigen Lernsymbole gekoppelten Lehrzeiten berücksichtigt, kann man also steigern.
Das funktioniert soweit auch, aber auch hier finde ich, hätte man mehr auf eventuelle Neueinsteiger eingehen sollen, die einfach gerne einige spannende Abenteuer im PR-Universum erleben wollen, ohne sich durch rund 300 Seiten lange, wenn auch in sich schlüssige, Regeln zu ackern.
Löblich ist dagegen die Vollständigkeit des Werkes. Regeln für alltägliche Begebenheiten sind ebenso enthalten wie ausführliche Kampfregeln, ebenso wie Raumfahrt und PSI-Kräfte ihren Platz gefunden haben. Damit gehört das PRRS noch einmal in den kleinen Kreis jener Systeme, bei denen man für unter 35 Euro ein komplettes Spiel sein Eigen nennen kann.
Was mir allerdings fehlt, einmal mehr aus der Kategorie „Hilfe für Neulinge“, ist ein adäquates Kapitel über die Aufgaben eines Spielleiters. Die Konkurrenz hat da mittlerweile ein paar ausgesprochen gute Texte zu bieten, aber gerade hier, bei einem Spiel, dass eben neben Rollenspielern auch den großen PR-Kundenkreis aufbieten könnte, wird das Thema kaum angeschnitten. Klar, es gibt eingangs den kurzen Text darüber, was Rollenspiel überhaupt ist – aber wenn ich schon derart bei Null anfange, dann sollte man auch konsequent sein und den Einsteigern etwas mehr unter die Arme greifen. Anstelle noch so ausgefuchster Regeln wären hier vermutlich eher ein paar Ideen ratsam gewesen, wie man aus den Heftromanen spannende Abenteuer konstruiert, was ein gutes Szenario ausmacht, wie man die Angelegenheit für die Spieler besser würzen kann – die gewohnten Infos halt, aufgemacht für Quereinsteiger.
Insgesamt führt das, meiner Meinung nach, zu einem unerwarteten Kuriosum. Ich denke schon, dass vom PRRS eine gewisse Halo-Wirkung ausgehen könnte – aber vermutlich eher anders herum. Den Pabel Moewig Verlag mag es freuen, denn für Rollenspieler, „Midgard“-Spieler gar, ist die Verlockung, das PRRS mal anzutesten, gar nicht zu verachten. Gerade wo der SciFi-Markt ohnehin mau bestückt ist, in deutscher Sprache eigentlich fast gar nicht, ist das PRRS schon eine nennenswerte Option. Für „Midgard“-Fans gleich doppelt, da die Regeln so verwandt sind.
Und wenn man das Buch dann schon einmal liest, so macht der Hintergrund durchaus neugierig. Die Autoren verkaufen „ihr“ Setting geradezu exzellent und das Regelbuch macht irgendwie Lust, in die Heftromane zumindest ein Mal hereinzulesen.
Vielleicht, da wage ich aber keine Prognose, erweckt es bei den Heftromanlesern auch die Lust, erworben zu werden. Aber ich fürchte einfach, die Einstiegshürde ist ob der umfassenden Regeln etwas zu hoch gesteckt, um eine Vielzahl der Kunden zu halten. Vielleicht als das, was im PRRS-Umfeld bisweilen als die „Nur-Leser“ bezeichnet wird ... aber auch das ist irgendwo verschenktes Potential. Schade, denn für sich genommen gefällt mir das PRRS schon gut.
Ein Fazit sollte daher noch folgen. Wie gesagt, für Einsteiger finde ich es recht knackig geraten. Viele Werte, viele Ableitungen, Formeln, Tabellen und Symbole stehen da einem unkomplizierten Einstieg etwas im Wege. Das Buch Nachmittags kaufen und Abends mit ein paar gleichgesinnten Perry Rhodan-Fans direkt loslegen, das könnte knifflig werden.
Wer hingegen Rollenspieler ist und sich dabei nicht auf spezialisierte Erzählsysteme wie die WoD oder „Engel“ beschränkt, sondern durchaus auch Spaß an Regelwerken als solche hat, der kann definitiv einen Blick riskieren, denn das Kosten/Nutzer-Verhältnis hier ist bombig.
Ebenfalls fast schon zwangsläufig hineinlesen sollte derjenige, der ein deutschsprachiges SciFi-System in der Geschmacksrichtung „Space Opera“ sucht. Das PRRS ist keine „hard sf“, ist aber fast alleine auf dem weiten Markt – ein Blick könnte sich also lohnen.
Insofern bleibe ich gespalten zurück, rate aber durchaus dazu, das Buch zumindest mal im lokalen Laden oder auf der nächsten Con anzulesen. Außerdem rate ich durchaus dazu, ab kommender Woche die Rezensionen der nächsten Bände des PRRS bei uns eines Blickes zu würdigen, denn bei denen entspricht das Regel/Hintergrund-Verhältnis gleich viel mehr dem, was ich mir so wünsche.
Name: Perry Rhodan – Das Rollenspiel
Verlag: edition DORIFER {jcomments on}
Sprache: Deutsch
Autoren: Alexander A. Huiskes und Jürgen E. Franke
Empf. VK.: 34,99 Euro
Seiten: 344