Midgard - Sandobars Sechste Reise
Sandobar ist ein Seefahrer, dessen abenteuerliche Reisen in den Häfen Eschars und Rawindras der Stoff von Legenden sind. Jetzt haben Sie die Gelegenheit, ihn bei seinem größten Abenteuer zu begleiten und dafür zu sorgen, dass er das Rätsel der Nebelinseln lösen und das Erbe seiner Mutter antreten kann.
vom Backcover von Sandobars Sechste Reise
Neulich war Ostern. Und weil es mittlerweile gute deutsche Tradition ist, an Ostersonntag viele alte Filme auszugraben und zu senden, saß auch ich da wieder mal, nach langer Zeit, vor der Glotze. Und neben dem Tiger von Eschnapur und einem richtig, richtig alten Grafen von Monte Christo stolperte ich auch im Nachmittagsprogramm über "Sindbads Siebente Reise". Und als ich das alte Fantasy-/Märchen-/Spezialeffekt-Altertümchen so sah, erinnerte ich mich daran, doch noch immer einen frappierend ähnlich klingenden Band für Midgard in meiner Rezi-Kiste zu haben.
Dieser Band liegt nun vor mir und kündet mit illustren Lettern davon, "Sandobars sechste Reise" zu behandeln. Die Aufmachung gleicht den anderen Produkten, das Titelbild ist schön, wenn auch etwas verwunderlich. Denn dort sehen wir einen braun-roten Drachen auf einem Stein, vor einem See, an dessen anderem Ufer andere Drachen auszumachen sind. Ihm gegenüber steht eine arabisch gekleidete Frau mit schönen Gewändern, während am Horizont Nadelbäume, Berge und weitere Flugechsen auszumachen sind. Man fragt sich viele Dinge, ob nun der Drache oder die Frau nun Sandobar ist und ob er, ob der Landschaft, vielleicht sprichwörtlich wirklich ein Seefahrer ist, aber das Rätsel ist natürlich schnell zu knacken – hier handelt es sich mal wieder um eine Zweitverwertung, denn Künstler Michael Whelan hat es ursprünglich für den Roman "The Star Scroll" von Melanie Rawn angefertigt. Aber unter uns ... es passt vielleicht nicht perfekt, aber es sieht zumindest sehr gut aus.
Positiv überrascht hat mich auch das Artwork innerhalb des Bandes. Werner Öckl ist hier verantwortlich und hat es wirklich geschafft, den Band nicht nur durchgängig, sondern auch schön und atmosphärisch passend zu illustrieren. Auch die Anzahl der Illustrationen ist gut, denn es gibt kaum eine Doppelseite, die nicht entweder ein Bild, einen der zahlreichen, schönen, leicht dreidimensional dargestellten Lagepläne oder eine der plastischen Landkarten zeigt. Zwar erreicht der Band nicht die oberste Liga, was das Layout betrifft, aber innerhalb seiner Reihe durchaus vorbildlich. Hat mir soweit sehr gut gefallen.
Aber kommen wir zum Inhalt – und damit auch noch mal kurz zurück zu Sindbads siebenter Reise. Der Inhalt des Abenteuers, so verrät schon ganz freimütig die Einleitung, bediente sich offenkundig an dem Film, wogegen die Vorworte der Autoren unter anderem auf "Duck Tales" verweisen – die Marschrichtung ist also klar: hier geht es um Abenteuer vor orientalischer Kulisse.
Das 'Abenteuer' als solches kommt eigentlich schon eher einer Kampagne gleich. Es gliedert sich in acht Segmente, die zusammen besagte Reise schildern, aber auch noch mit anderen, eigenen Kreationen verbunden werden können. Da diese Segmente eigentlich schon mehr Kurzabenteuer sind, denke ich, ist der Begriff 'Kampagne' angebracht. Das alles ist übrigens schon mal erschienen, wenn auch vor langer Zeit. Damals erschien das Material über mehrere Ausgaben verteilt in der Zeitschrift "Spielwelt" (kennt die heute noch wer?) - aber hey, das ist lange her und ich denke, viele werden die Neuauflage daher zu schätzen wissen.
Dramaturgisch folgt die Erzählung durchaus dem Stil der Vorbilder – Vorsicht, es nahen SPOILER!
In 'Das Grab des Neb-cheper' können die Spieler gemeinsam mit Sandobar, seines Zeichens Seefahrer im 27. Lebensjahr, eine kleine Schatzsuche veranstalten, um dann in 'Der Prinz der Winde' ein magisches Schiff zu erbeuten, zugleich aber auch unfreundliche Bekanntschaft mit Al-Katun, einem bösen Zauberer, machen.
Dieser kann sie bestehlen, weshalb sie ihre Reise in Folge in 'Das Haus der Wohltaten', einem scharidischen Gasthaus, führt, wo sie ihr drittes Abenteuer bestehen können, bevor es danach langsam ernst wird. Sandobar reist in 'Die Wiedergeburt des Gottkönigs' nach Sadije, um weitere Informationen zur eigentlichen Queste zu sammeln, wird jedoch entführt und einzig die Spieler können noch zu seiner Rettung nahen.
'Von Giftstacheln und Giftzungen' markiert Al-Katuns Rückkehr und führt zur Meuterei auf dem Schiff der Helden, eine Misere, die sie danach auf 'Das Gespensterschiff' führt. Abschließend können sie 'Unter Piraten' ihr Schiff zurückerobern und eventuell bereits dem Hexer gegenüber treten, bevor sie 'Im Banne des Tarot' der letzten Prüfung ihrer Reise ins Auge sehen müssen.
SPOILER ENDE.
Die Handlung ist sehr episodenhaft (mag auch an der ursprünglichen Veröffentlichungsform liegen), wird aber dennoch sehr elegant von der Rahmenhandlung zusammen gehalten. Die wird zwar weder für Innovation noch für Tiefgang einen Sonderpreis erhalten, ist aber rundum gelungen und dient getreu dem Genre durchaus der Stimmung des Abenteuers.
Die Struktur des Bandes ist dabei recht vorbildlich, mit einer Zusammenfassung der Handlung zu Beginn, den beiden wichtigsten NSCs Sandobar und Al-Katun am Ende sowie einem schön gestalten Handout ganz zum Schluss, zum bequemen herauskopieren. Auch die Episoden selbst sind in sich gut aufgebaut, zu allem gibt es Karten und/oder Illustrationen. Diese Einteilung macht auch eine Orientierung immer leicht, denn trotz des recht großen Umfangs der Geschichte befindet man sich ja doch immer stur in dem aktuellen Segment.
Auch ausreichend viele Hintergrundinformationen haben es in den Band geschafft, "Die Pyramide von Eschar" werden zwar mit gutem Grund empfohlen, aber zwingend notwendig sind sie nicht. Abschließend ist dann sogar der Schreibstil zu loben, denn obwohl drei Autoren abwechselnd die Kapitel verfasst haben, liest sich das Abenteuer durchgängig und immer ansprechend.
Abschließend kann ich mich eigentlich nur lobend äußern. Zwar reißt "Sandobars Sechste Reise" keine Bäume im Wald der neuen Idee aus, aber es ist ein rundum gelungenes Abenteuer für Freunde orientalisch angehauchter Abenteuer, dem man – was ja auch bemerkenswert ist – auch sein etwas höheres Alter nicht anmerkt.
Mir hat der Band viel Freude gemacht und in Anbetracht des überaus fairen Preises von gerade mal knapp 15 € für über 100 Seiten kann ich hier nur wohlwollend meine Empfehlung aussprechen: sollte jeder Midgard-Spieler mal einen Blick drauf geworfen haben!
Name: Sandobars Sechste Reise {jcomments on}
Verlag: Pegasus Press
Sprache: Deutsch
Autoren: Horst Mark, Rainer Nagel und Christiane Ulrich
Empf. VK.: 14,80 Euro
Seiten: 111