Midgard – Das Bestiarium

Welcher Vertraute ist für einen Feuermagier besonders geeignet?
Was haben Schwarze Einhörner und Dunkelwölfe gemeinsam?
Wie erwehrt man sich eines Schwarms von Scherenschaben?
Lohnt es, sich einen Taliswurm zuzulegen?
Welche Aura hat ein Pegasus?
Wie kann man einen 12m hohen Koloss besiegen?
Warum ist der Geisterwolf unsterblich und doch weder Geist noch Untoter?
Worin unterscheidet sich der gemeine Blutsauger vom Vampir?
Was ist beim Umgang mit Katzenmenschen zu beachten?
Wie reagieren Nymphen auf Kaltes Eisen?
vom Backcover von Das Bestiarium

Die Spiel 2003 war gewissermaßen die Spielemesse der vollendeten Regelwerke, denn nicht nur im Hause FanPro feierte man mit „Götter & Dämonen“ den Abschluss der Grundregeln der neuen DSA-Edition, auch bei Pegasus konnte dieses Fest gefeiert werden. Hier fand die, ebenfalls vierte, neue Edition ihren Abschluss in dem zugleich wuchtigsten Band der neuen Grundregeln, dem Band, der nun vor mir liegt: „Das Bestiarium“.

384 Seiten sind sicherlich eine Menge, und ich war gespannt, wie dieses enorme Fassungsvermögen genutzt werden würde.
Von offizieller Seite hieß es ab einem gewissen Punkt, man habe alles, worauf man verzichten könne, bereits gekürzt, was sich nun in sage und schreibe 500 Kreaturen niederschlägt. Wie man es dreht und wendet: das ist einfach viel.

Aber schon der gewohnte Blick aufs Cover verwirrte mich, denn ich gebe zu, diesmal tatsächlich nichts zu meckern zu haben. Das ich die Werke Werner Öckls normalerweise partout nicht leiden kann weiß jeder hier regelmäßig mitlesende Leser, doch diesmal ist das Bild nicht nur gut gefertigt, sondern auch noch passend.
Man sieht eine Frau, halb Mensch, halb Hirsch oder Reh (wobei der eifrige Leser, sollte er es nicht besser wissen, auf Seite 117 im Bestiarium unter „Cornmorwyn“ respektive „Die gehörnte Maid“ finden kann, mit wem er es hier zu tun hat), umgeben von Pflanzen und vor einem Wasserfall.
Doch, sehr nett, und ziert das matte Hardcover (wie gewohnt mit Lesebändchen ausgestattet) ansprechend.

Die Innenillustrationen, um dort weiter zu machen, sind ebenfalls überraschend gut geworden. Zwar ist das Buch kein wirklicher Augenöffner wie etwa das neue Cthulhu-Grundregelwerk aus gleichem Haus, aber es wird eindeutig gehobene Qualität geboten.
Nicht nur, dass die üblichen Verdächtigen diesmal richtig souverän und gekonnt gezeichnet haben, sie werden (wie auch bei einigen anderen Messeneuheiten bei Pegasus) auch von Thorsten Kettermann unterstützt, der das Buch merklich bereichert.

Doch zum Inhalt.
Das Buch gliedert sich in drei große Abschnitte, „Das Buch der Schöpfung“, „Das Bestiarium“ sowie „Der Anhang“, wobei das zweite mit knapp 330 Seiten einen mehr als deutlichen Schwerpunkt darstellt.
„Das Buch der Schöpfung“ ist sozusagen der Regelteil des Bandes. Eigenschaften, nichtmenschliche Kulturen, Tiere, Fabelwesen und übernatürliche Wesenheiten, Kampftaktiken und Vertraute werden hier behandelt und ergänzen damit einmal mehr das ohnehin umfassende Regelwerk des Spiels. Dennoch kann man sagen, das auch regelfaule Leute an diesem Buch hier ihre Freude haben werden, wobei man natürlich fragen muss, warum diese sonst überhaupt bei Midgard sind.

Kommen wir also zum eigentlichen „Bestiarium“. Schon ein Blick in das Inhaltsverzeichnis macht klar: wie wurde geklotzt, nicht gekleckert. Über 50 Kategorien werden aufgespannt, angefangen bei den „Affen“ bis zu den „Würmern“. Da stehen „Dämonen“ neben den „Dickhäutern“, „Geisterwesen“, „Götterboten“ und „Golems“ finden sich, „Halbmenschen auch“, doch ebenso „Krustentiere“, „Landrochen“, „Weichtiere“ oder auch einfach „Schweine“.
Jede einzelne Kategorie wird dann im Textverlauf weiter untergliedert, so das die Spieler fürwahr nie wieder einfach einen „Hirsch“ sehen müssen, sondern entweder den majestätischen Edelhirsch, den mittelgroßen Clanhirsch, das in Herden umherziehende „Renntier“ oder auch auch eine kleine „Misure“ aus Nordostsirao erblicken werden.

Ab und an ist den Entwicklern aber auch etwas der Enthusiasmus durchgegangen: Eichhörnchen sind niedliche Tiere, aber ob sie anderhalb Spalten Text rechtfertigen ist mir fraglich; auch ob ich mehrere Lemmingarten (respektive Lemminge überhaupt) gebraucht hätte, ist fraglich. Fraglicher noch ist aber, wenn man schon im normalen Rahmen bleibt, warum ich es hier mit sechs Kröten (mit Unterarten noch weit mehr) und ebenso vielen Marderartigen zu tun habe, das Buch aber keine Schafe kennt.
Auf der weniger natürlichen Seite ist das Buch dagegen wiederum angenehm umfassend und neben ein paar klaren Plagiaten (wer Dune kennt, weiß, was ihn zum Teil bei den Würmern erwartet) auch ein paar sehr schöne Neukreationen (nicht unbedingt neu für Midgard, aber neu für Fremdeinsteiger) präsentiert.

Präsentiert, überhaupt ein gutes Stichwort. Jedes Wesen wird in einem langen Fließtext beschrieben, oft auch mit einem Auszug aus einem in der Spielwelt vorliegenden Buch über das jeweilige Wesen. Das erzeugt zumeist schön Stimmung, und wenn man sich nun nicht gerade durch die Lemminge wühlt, bekommt man auch durchaus Lust, die eine oder andere Kreatur direkt mal einzubringen. Nur ein kurzer Kasten am Ende der Beschreibung führt einen zurück ins Reich der Regeln.
121 Bilder gibt es in dem Band, wobei leider einige optisch nicht ganz selbsterklärenden Wesen ohne Bild auskommen müssen. Doch alles in allem macht dieser große Teil des Buches schon Spaß zu lesen!

Die Anhänge sind ebenso kurz wie hier kurz besprochen: es gibt eine lange alphabetisch geordnete Tabelle mit allen Geschöpfen des Buches, inklusive Angaben zu EP, Grad und Gefährlichkeit, einige Informationen zu den Wesenheiten und Magie sowie – irgendwie deplatziert und dennoch ungeheuer nützlich – eine schöne Karte des Welt Midgard.

Als Fazit kann man festhalten, dass „Das Bestiarium“ rundum gelungen ist. Umfassend (bis auf die Schafe), atmosphärisch und rundum nützlich. Ein MUSS für jeden Midgard-Spieler.
So bleibt für mich eigentlich nur die Frage, wann endlich mal ein umfassender Überblick über die Spielwelt in der neuen Edition erscheint, denn daran herrscht auch nach dem Abschluss der Grundregeln weiter Mangel.
Wenn der dann noch die Qualität des „Bestiariums“ haben wird, denn das ist seine 34,95 durchweg wert!


Name: Das Bestiarium 
Verlag: Pegasus Press Sprache: Deutsch
Autoren: Alexander Huiskes, Peter Kathe, Jürgen E. Franke
Empf. VK.: 34,95 Euro 
Seiten: 384{jcomments on}